Philip Jacob Spener – Und sein erster Hauskreis

Philip Jacob Spener – Und sein erster Hauskreis

Philipp Jacob Spener (1635-1705) begeistert mich. Seinerzeit war er, nachdem er den Doktorgrad erreicht hatte, Oberpfarrer in Frankfurt (damals eine freie Reichsstadt). Er stand also 12 anderen Pfarrern vor. Praktischer Glaube war ihm ein großes Anliegen, so dass er ab 1669 die Gemeindeglieder einlud sich Sonntags nach den Predigten in einem Hauskreis zu versammeln und über die Predigt oder Erbauungsliteratur zu sprechen. Beim ersten Treffen waren fünf Leute anwesend. Nach fünf Jahren waren bereits 50 Männer und Frauen regelmäßig bei den Treffen dabei. Da las man dann nur noch in der Bibel. Diese freiwilligen Veranstaltungen waren damals ein Novum und wurden nicht selten belächelt. Heute sind sie in lebendigen Kirchen unseres Breitengrades eine Selbstverständlichkeit!

Besonders beeindrucken mich seine Verbesserungsvorschläge, wie man die Kirche wieder auf Vordermann bringen kann. In seinem kleinen Büchlein „Pia desideria“ fordert er 1675 die folgenden Reformen:

  1. Gottes Wort muss reichlicher unter die Leute gebracht werden. Seit Karl dem Großen predigte man nur über die vorgeschriebenen sonntäglichen Perikopentexte. Schließlich wussten die Aufmerksameren, bei dem und dem Predigttext muss ich die Kartoffeln stecken, usw. Spener verlangt als Ergänzung die fortlaufende Lesung (lat. lectio continua), also eine Serienpredigt über den kompletten Text eines biblischen Buches. Auch Väter sollen ihren Familien aus der Bibel vorlesen, die Bibel soll ein Hausbuch werden! Neben den gewöhnlichen Predigten soll unter der Leitung des Predigers die „alte apostolische Art der Kirchenversammlungen“ (1Kor 14) wieder eingeführt werden, „wo nicht einer allein“ zu lehren auftritt, „sondern auch andere, welche mit Gaben und Erkenntnis begnadet sind …“. Damit meinte er, dass begabte Gemeindemitglieder auch in Veranstaltungen der Gemeinde maßgeblich mitwirken sollten!
  2. Die Beteiligung der Laien ist zu fördern: „Aufrichtung und fleißige Übung des geistlichen (allgemeinen) Priestertums“.
  3. Christlicher Glaube besteht nicht nur im Wissen, sondern auch in der Tat: praxis pietatis.
  4. Bei Religionsstreitigkeiten ist nicht intellektuelle Polemik gefragt, sondern herzliche Liebe und das tun des Willens Gottes (Joh 7,17).
  5. Reform des Theologiestudiums. Nicht alles Diskutieren ist gut; es können dadurch auch Gemüter verdorben werden. Theologie ist praktisch. Die Professoren sollen den Studenten Vorbilder sein, diese aber gottselig glauben und heilig leben, den Lüsten des Fleisches widerstreben, ihre Begierde zähmen und der Welt absterben (Regel Augustinus), denn „ein rechter Theologus wird nicht durch verstehen oder durch lesen oder tiefsinnen, sondern durch leben, ja durch sterben und verdammnus“. Als Predigthilfen eignen sich Tauler oder „Theologia deutsch“.
  6. Die Predigt soll nicht rhetorisch gelehrt daherkommen, sondern erbaulich den Menschen ins Herz gesagt werden.

Mit diesen Tipps lag Spener damals am Puls der Zeit: Der Absatz ist so reißend, dass Drucker und Verleger mit der Produktion kaum nachkommen.

Am 5. Februar 1705 starb Spener und wurde eine Woche später, getreu seinem Testament, in weißen Kleidern und in einem weißen Sarg der Erde übergeben. Er habe, meint Spener, in seinem irdischen Leben genug über die Kirche getrauert, nun wolle er in weißen Kleidern in die triumphierende Kirche eingehen; sein weißer Sarg soll zudem ein Zeichen dafür sein, dass er in der Hoffnung auf eine Besserung der Kirche auf Erden gestorben sei.

Quelle u.a.: Sierszyn, Armin: 2000 Jahre Krichengeschichte. Die Neuzeit Band 4, Holzgerlingen 2004, 62f.

About Andreas Fronius

Andy ist der Jugend-Pastor in der Crossroads International Church of Basel und arbeitet für Young Life Schweiz. Seine Leidenschaft gilt dem predigen und ausrüsten junger Leute für eine effektive Jugendarbeit. Du kannst dir seine Jugendarbeit hier ansehen: redbasel.ch.

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